Der Wassermaler | Etüdensommerpausenintermezzo

Nachdem ich mich vor den letzten abc.Etüden gedrückt habe, konnte ich mich für das Etüdensommerpausenintermezzo mal wieder aufraffen. Zur Aufgabe stand, folgende Wörter in einen vollständigen Text unterzubringen:

  • Badelatschen
  • Hitzefrei
  • Höhenfeuer
  • Liegestuhl
  • Qualle
  • Qualm
  • Schwimmflügel
  • Sommersprossen
  • Ventilator
  • Wassermaler

——————–
:…was bisher geschah:
Was hätte er auch sonst tun können, als gemütlich in einem Liegestuhl zu entspannen, während die Wellen den Sand aus den Angeln rissen. Die Mittagssonne knallte auf seinen prallen Bauch. Er erinnerte an einen gestrandeten Wal. Von sich selbst würde er sagen, er erinnere viel mehr an eine Bratwurst, die zu lange auf den Rost brutzelte.
Er hoffte auf frischen Wind. Der Schweiß hatte ihn in der Hitze des Gefechts völlig in Beschlag genommen. Er schützte sich, indem er häufiger seinen rechten Arm hob, um sich mit dem Unterarm von den Schweißperlen an der Stirn zu befreien.

::der Störenfried::
Bevor eine zweite Sonne aufstieg, stupste ihn ein junges Mädchen von der Seite an.
    –  Hallo du, kannst du vielleicht ein Bild von mir machen?
    –  Musst du nicht in der Schule sein?, fragte er.
    –  Hab Hitzefrei.
    –  Mh.
    –  Musst du nicht auf Arbeit sein?
    –  Hab Hitzefrei.
    –  Toll, dann hast du ja Zeit ein Bild von mir zu machen! So mit mir und dem schönen Meer im Hintergrund.
    –  Nee, lass mal und geh’ mal lieber eine Sandburg bauen oder Fische zählen.
Das junge Mädchen ignorierte, was der Mann gesagt hatte und warf ihren kleinen Rucksack in den Sand, um darin voller Vorfreude herumzukramen.
    –  Eigentlich muss ich auch los, weißt du.
    –  Du, warte kurz. Ich hab es gleich.
    –  Na, ich bin gespannt. Weck mich, wenn du es hast.

:auf der Suche nach der verlorenen Zeit:
Er wartete, bis sie vor Begeisterung im Dreieck sprang. Sie ging zu ihm und überreichte ihm einen Rundpinsel mit abgenudelten Borsten, drei Farbtuben und eine handtellergroße Leinwand.
    –  Ich dachte, ich soll ein Foto von dir mit einer Kamera machen?
    –  Nö, antwortete sie.
    –  Also soll ich dich malen?
    –  Nein, du sollst ein Bild von mir machen.
    –  Also doch malen? Mit Pinsel und Farben.
Sie schaute ihm bedröppelt an, als ob er sich eine Sonnenbrille auf die Nase gesetzt hatte, obwohl der Himmel womöglich gleich in zwei Hälften zerfallen würde.
    –  Na gut, dann male ich dich eben.
    –  Von mir aus.
    –  Ich bin aber kein Picasso.

:lasst das Malen beginnen:
Während er die Leinwand auf seinen Schoß stellte, positionierte sie sich vor das offene Meer, während hinter ihr Möwenscharen über den Schiffen am Horizont kreisten. Es sah für ihn aus, als hätte eine Reisefachverkäuferin eines dieser klischeebeladenen Urlaubsfotos an einer imaginären Leine heruntergezogen.
Er klemmte sich den Pinsel hinter sein linkes Ohr und suchte mit einem geschlossenen Auge und seinem Daumen eine zeichnerische Flucht zu ziehen.
Sie hüpfte ungeduldig auf dem rechten Bein und zupfte einen losen Faden aus dem Stoff ihres Kleides.
    –  Du, machst du hin? Der Sommer ist sonst noch wischundweg.
Er mischte auf seiner linken Handinnenfläche ein Schnapsdrosselblau und begann die ersten Tupfer großflächig auf die Leinwand zu verteilen; nach und nach fügte er weitere Blautöne hinzu.
    –  Oh Gott, sieh nur, ein Gewitter kommt von da hinten, du musst schneller malen.
Er hob seinen Kopf von der Leinwand, wischte sich den Schweiß von der Stirn und stellte erschreckt fest, dass die wenigen Schäfchenwolken in den Stall oder sonstwohin verschwunden waren und sich stattdessen eine bläulichdüsterne Wolkenpartie westwärts heranschlich. 

:wann kommt die Flut?:
In Eile mischte er ein Curaçaoblau zurecht, dass er unverzüglich in die unteren zwei Drittel der Leinwand zu einer Meeresfläche ausbreitete. Da und dort noch ein paar weiß schäumende Wellen sowie drei Schiffchen, die sich auf dem brodelnden Wassermassen abmühten.
    –  Bist du ein guter Wassermaler?
    –  Der Beste, den die Welt je gesehen hat. Was glaubst du denn?
Bis dato war er sichtlich zufrieden mit dem Bild und klopfte sich selbstlobend auf die Schulter.
Danach folgte er den unendlichen Spuren im Sand, die er in seiner ganzen Erscheinung als bienenstichbraune Tupfer pinselte. Als er sich erneut den Schweiß von der Stirn wischen wollte, hörte er sie verängstigt rufen:
    –  Sieh nur, wie es zu stürmen beginnt. Oder diese riesigen Wellen, die mir jetzt sogar bis zu den Füßen gehen.
Er bemerkte den starken Seegang und wie sich Flutwelle an Flutwelle reihte und die Sandbänke unter ihren Füßen wegspülte.
    –  Ich muss nur noch dich zeichnen. Dann bin ich finito.
    –  Mach schnell! Du, mir wird es ganz kalt an den Füßen.

:ein Strich der die Welt verändert:
Wie der Wind ein Laubblatt schwang er den Pinsel und zeichnete das junge Mädchen auf die Leinwand in dem bezaubernden Kleidchen. Anschließend schenkte er ihr eine blonde Haarpracht, die sich in das Bild wie eine aufsteigende Sonne fügte.
Nachdem er ihr ein Lächeln ins Gesicht und zwei Äuglein wie Bernsteine gezauberte hatte, befeuerte er ihr Lächeln Punkt für Punkt mit kleinen Sommersprossen. Als ihm spontan eine Schweißperle vor die Linse topfte, wischte er sich – so plötzlich ertappt – ruckartig die Stirn ab. Dabei stieß ungewollt der flammenfarbene Pinsel in die Leinwand und verließ diese erst wieder, als sich aus der blondwehenden Mähne des Mädchens eine Fackel entzündet hatte. Er bemerkte es zuerst, als ihr Schrei durch Mark und Knochen fuhr.
    –  Oh, sagte er.
Auf der Leinwand, wo bis soeben noch ihr Gesicht gemalt war und nach und nach kleine Sommersprossen ihren rechten Fleck im Gesicht huschten, war infolge des ungewollten Striches ein Höhenfeuer zusammengemischt, dass rein malerisch von der Stirn des Mädchen und bis hinauf in die wolkenverhangene Decke loderte.
    –  Ach, du heiliger Bimbam, sagte er.
Sie schrie wie am Spieß und rannte schutzsuchend vom linken bis zum rechten Leinwandrand und wieder zurück.
Um das Feuer auf ihrem Kopf zu löschen, malte er unzählige Regentropfen vom Himmel hinabblickend.
Schlagartig begann es zu schütten. Das Höhenfeuer schrumpfte, bis es kurz als Qualm aushustete und für immer verschwand. Zurück blieben verkokelt stumpfe Haarsträhnchen.
    –  Meine Haare!
    –  Ich mache dir neue. Keine Sorge.

:Fehler behebt man mit Fehlern:
Er gab sich redlich Mühe, ihre Haare zu malen. Mit einem Schlag ertappte ihn der Gedanke, dass sie zum Löschen des Feuers doch nur ihren Kopf ins Wasser hätte tauchen müssen. Dass er darauf nicht gleich gekommen war. Er lachte über seine eigene Dummheit, wedelte mit seinen Armen und schüttelte mit dem Kopf. Dabei ritzte er mit der Holzstiel des Pinsels eine Furche in das Himmelsbild. Es knackste in seinen Ohren. Ein Wolkenbruch zersplitterte den Himmel in zwei voneinander davondriftenden Platten. Unmengen an Regenmassen kippten auf das Meer und den Strand.
Das Meer stieg Sekunde für Sekunde um Zentimeter für Zentimeter, so lang, bis es dem jungen Mädchen bis zu den Knie stand und sich eine Qualle an ihrem Rockzipfel zum Schlafen legte.
Er versuchte den Himmel schnell zu flicken, doch keine fünf Pinselstriche später stand ihr das Wasser bereits bis zum Kinn.
    –  Hilfe, ich ertrinke.
    –  Nicht mit mir!
Um ihr als echter Bademeister zu Hilfe zu eilen, pinselte er an ihre dünnen Oberärmchen ein paar quietschgelbe Schwimmflügel, um sie fürs Schlimmste zu wappnen.
Zwar half es, das Mädchen über Wasser zu halten, doch sie drohte allmählich vom oberen Leinwandrand erdrückt zu werden. Darum kam er auf die Idee, das Wasser wegzublasen.

:das himmlische Kind:
Die letzten Farbkleckse brachte er dafür auf, um einen Ventilator am linken Bildrand aufzumalen. Weiße strudelförmigen Striche zogen sturmartig vom Rotor bis hinaus ans Ende des Horizontes. Der Regen und das ansteigende Meer verwirbelten und wurden ganz weit aus der Leinwand geschossen.
Mitsamt den Regen- und Meeresschwemmen verschwand auch das junge Mädchen am Horizont, dass der Ventilatorwind aus den Badelatschen gepustet hatte.
    –  Es tut mir leid, rief er ihr nach. Ich hatte dich vorgewarnt. Ich bin wirklich kein Picasso.
Aber da war sie schon längst nicht mehr zu sehen. Mit zuckender Schulter steckte er die Leinwand, die leeren Farbtuben und den Pinsel in seine Tasche.
Und während der Himmel aufklarte, die Sonne erneut ihr hitziges Unwesen trieb, wischte der Mann sich den Schweiß von der Stirn und ging nach Hause. Was hätte er auch sonst noch tun können.

tl;dr

Vertraue niemals einem schwitzendem Mann
deine liebsten Farben und Pinsel an.

Ich danke dir fürs Lesen. Und vielen Dank an Christiane für die tolle Herausforderung.
Wurst&Zimt

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6 Kommentare zu „Der Wassermaler | Etüdensommerpausenintermezzo

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